#001 | 13 Fragen an ESTHET

Vor fünf Jahren haben Annika Wagener und Tabea Höfer ESTHET Innenarchitektur gegründet. Beide studierten Innenarchitektur an der Hochschule Hannover. Bereits während des Studiums wurde das Büro für Innenarchitektur ins Leben gerufen. Zunächst nebenberuflich, seit zwei Jahren nun hauptberuflich. Die beiden sammelten Berufserfahrungen in New York, Lüneburg und Celle. Schlussendlich blieben sie aber in Hannover. Wir haben den beiden 13 Fragen gestellt.

1Ihr wart nach dem Studium schon raus aus Hannover. Wieso seid Ihr zurückgekehrt?

ESTHET: Wir haben immer gesagt, dass wir Hannover den Rücken zukehren, sobald das Studium vorbei ist. Aber dann sind wir doch geblieben, weil wir plötzlich unser jetziges Büro gefunden haben – einen ehemaligen Kiosk mitten in Linden. Damit stand für uns außer Frage, von hier weg zu gehen und wir haben uns Hamburg und Berlin aus dem Kopf geschlagen. Gerade in unserem Stadtteil Linden-Nord, in dem wir auch wohnen, sind wir angekommen und fühlen uns zu Hause. Wir bleiben!

2Aus welcher Überzeugung habt Ihr Euch für das Innenarchitekturstudium entschieden?

Annika: Während meiner Ausbildung zur Tischlerin hatte ich den Wunsch zu lernen, wie Räume ganzheitlich gestaltet werden können und wie man gezielt eine bestimmte Atmosphäre erzeugen kann. Dazu gehört nämlich mehr als nur Möbel zu entwerfen. Es ist ein Zusammenspiel von vielen Faktoren und am Ende die technische Komponente, um all diese Ideen umsetzten zu können.

Tabea: Ich habe mich schon immer sehr für Architektur und Design interessiert. Für Innenarchitektur habe ich mich letztendlich entschieden, weil ich das Thema Bauen im Bestand sehr spannend fand. Wir Innenarchitekten arbeiten im Gegensatz zu unseren Hochbaukollegen größtenteils in bereits bestehenden Objekten. Diese Transformationen machen für mich den Reiz unseres Berufes aus – man hat in einem einzigen Raum unendlich viele Möglichkeiten verschiedene Atmosphären zu erzeugen. Gebäude weiter zu denken und Bestehendes neu zu interpretieren macht Sinn und ist wichtig im nachhaltigen Kontext.

3@Annika. Du hast vor dem Studium noch eine Ausbildung zur Tischlerin gemacht. Hat dir die Ausbildung in deinem Studium geholfen?

Annika: Auf jeden Fall! Die handwerkliche Ausbildung möchte ich nicht missen und kann ich nur jedem ans Herz legen. Manchmal, wenn es besonders stressig ist im Büro, wünsche ich mir den Alltag in der Holzwerkstatt zurück. Der Duft von Sägespänen und das Arbeiten mit den Händen fehlt mir ab und an schon. Im Architektenalltag hilft es mir besonders bei der Ausführungsplanung, da ich genau weiß, was technisch machbar ist und was nicht. Auch die Materialkunde fällt leichter, weil man vieles schon einmal in der Hand gehabt und bearbeitet hat. Generell möchte ich an dieser Stelle auch eine Lanze für das Handwerk brechen, da man merkt, dass die Wertschätzung nachlässt. Dabei ist das Handwerk gerade jetzt gefragter denn je und bietet beste Zukunftschancen.

4Vor fünf Jahren nun der Schritt in die Selbstständigkeit. Schon an Eurem Online-Auftritt und den realisierten Projekten erkennt man die Liebe zum Detail. Was entgegnet Ihr Jemandem, der behauptet Innenarchitektur sei Zimmer drapieren?

ESTHET: Vielen Dank für die lieben Worte – das freut uns! In unserer Berufsbezeichnung steckt nicht ohne Grund das Wort „ArchitektIn“ – wir tun genau das Gleiche, was unsere Hochbaukollegen auch tun, nur mit dem Fokus auf den Innenraum. Dazu gehört weit mehr als Einrichten. Wir Innenarchitekten sind Spezialisten für Innenräume. Wir schaffen Atmosphären, die wir durch technisches Know-How und einen hohen Anspruch an eine funktionale sowie gestalterische Qualität umsetzen. Unsere Arbeit ist kein entbehrlicher Zusatz zur Hochbauarchitektur, sondern durch die gestiegene Komplexität der Anforderungen an Innenräume ein anspruchsvoller Beruf. Die Berufsbezeichnung InnenarchitektIn ist ein geschützter Begriff und setzt gewisse Voraussetzungen und Skills voraus, um einen gewissen Qualitätsmaßstab zu erhalten.

Burgerrestaurant, DUKE Burger Linden - Fotografien © Norbert Müller

5Architektur wird häufig als Designobjekt missbraucht. Was für Kriterien muss gute Architektur/Innenarchitektur Eurer Auffassung nach erfüllen?

ESTHET: In erster Linie ist Innenarchitektur für den Menschen gemacht – der Nutzer steht im Vordergrund. Es geht darum Orte zu schaffen, in denen man besser lernt, besser wohnt, besser isst, besser schläft, besser arbeitet, besser heilt oder besser einkauft. Gute Innenarchitektur hat einen Mehrwert. Sie darf nicht nur auf dem Foto gut aussehen, sondern muss auch funktionieren. Eine durchdachte Materialauswahl sowie ein nachhaltiges Gestaltungskonzept sind unabdingbar.

6Kann uns gute Architektur zu besseren Menschen machen?

ESTHET: Wir sind davon überzeugt, dass Innenarchitektur eine Wirkung auf den Menschen hat. Sei es im Bezug auf Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit, Entspannung, Konzentration etcetera. Innenarchitektur spricht über Haptik, Akustik, Geruch, Formen und Farbe die menschlichen Sinne an und beeinflusst uns.

7Viele Leute sind der Meinung Sie können sich eine*n Architekt*in nicht leisten. Ist Architektur Eurer Meinung nach zu elitär?

ESTHET: Ohne Architekten lässt sich ein Haus nicht bauen. Das beginnt schon beim Bauantrag. Daher wird die Frage, ob sich ein Hochbauarchitekt geleistet werden kann, nicht wirklich gestellt. Ein Hausbau kostet eine bestimmte Summe, da ist das Architektenhonorar für die Planung des Hauses selbstverständlich. Architektur hat oft ein elitäres Image, ist aber eigentlich etwas Alltägliches. Man kommt jeden Tag mit Architektur in Berührung, nimmt aber meist nur die Objekte wahr, die sich gestalterisch abheben. Das hat unserer Meinung nach aber nichts mit elitär zu tun. Eine gute Idee kostet nicht mehr als andere und auch mit wenig Mitteln lassen sich spannende Konzepte umsetzen.

Ausstellung, Polizei Niedersachsen - Fotografien © Corinna Guthknecht

8Ist Innenarchitektur elitär?

ESTHET: Die Hemmschwelle, ein Innenarchitekturbüro zu beauftragen, ist nach wie vor da. Allerdings sind unsere Leistungen skalierbar. Das reicht von einem zweistündigen Beratungsgespräch bis hin zur Umsetzung zuvor erarbeiteter Entwürfe. Wird uns zu Beginn ein Budget genannt, erstellen wir ein individuelles Angebot und schauen, was sich umsetzen lässt. Das hat bisher immer funktioniert.

Oft fragen uns junge Gründer oder Familien an, da spielen wir manchmal lediglich ein paar Ideen zu. Die Umsetzung wird dann auch gerne von unseren Auftraggebern selbst übernommen. Viele brauchen einfach einen kleinen Denkanstoß, ein paar Ideen und die Sicht von außen. Das ist von den Kosten für einen Innenarchitekten überschaubar und jenseits von elitär. Natürlich bieten wir aber auch das Komplettprogramm an. Von der Grundlagenermittlung über den Entwurf, Einholen von Angeboten verschiedener Gewerke bis hin zur Bauleitung und schlüsselfertiger Übergabe. Unser Arbeitspensum ist also breit gefächert und immer individuell.

9Euer Büro heißt ESTHET. Woher stammt der Begriff?

ESTHET: Das Wort Ästhetik steht für die Schaffung einer Wertschätzung des Schönen und leitet sich vom griechischen Begriff Aisthesis ab. Dies bedeutet Wahrnehmung, Empfindung und Gefühl. Uns ist es wichtig, dass Räume erlebbar sind und eine Wirkung auf den Menschen haben. ESTHET ist daraus entstanden.

10Trotz der jungen Bürogeschichte konntet Ihr schon Luft bei einigen Preisverleihungen schnuppern. Was bedeutet Euch das?

ESTHET: Das ist natürlich eine tolle Anerkennung unserer Arbeit und motiviert uns bei dem was wir tun. Der beste Part ist jedoch, dass man bei Veranstaltungen immer tolle Kollegen kennenlernt und sich über Projekte, den Büroalltag, aber vor allem auch über Herausforderungen austauschen kann. Das bereichert und macht einfach Spaß.

11Gibt es eine*n Architekt*in den/die Ihr abfeiert?

ESTHET: Da gibt es einige. Moritz Köhler zum Beispiel von ‚Studio Komo’ aus Stuttgart oder das Büro ‚Why the Friday’ aus Darmstadt.

12Gibt es ein hannoveraner Architekturbüro, dessen Projekte Ihr hervorheben möchtet?

ESTHET: Die Arbeiten von STUDIOSTADT begeistern uns sehr. Erol Slowy und Florian Dachauer sind extrem engagierte und produktive Architekten. Wenn wir auf Instagram Bilder von Nachtschichten sehen, fühlen wir uns immer sehr verbunden 😉 Auch Anne-Kathrin Langenberg und Kristina Kasubke von Raumwärts sind ein tolles Beispiel dafür, wie Hochbau- und Innenarchitektur Hand in Hand gehen.

13Bier oder Sekt?

ESTHET: Bier.

Website: www.esthet.de


Links: instagram


gezeigte Projekte: © ESTHET


Interview: hannar, 10/2019, Schriftform

ESTHET Innenarchitektur, Kötnerholzweg 49
30451 Hannover - Fotografien © Norbert Müller